Lyrikpfad
Auf dem Knivsberg
Eröffnungsrede von Mareike Krügel am 18.10.2023
Mareike Krügel
Zwischen Baum und Borke
– Wieso eigentlich Lyrik? –
In meinem Studium – künstlerisch ausgerichtet, nicht literaturwissenschaftlich – gab es drei Fächer, die man belegen konnte, und eines davon hieß einfach nur „Lyrik“. Das war mein Nebenfach. Am Ende gab es eine mündliche Prüfung zu einem Thema meiner Wahl und die Pflicht, mindestens zehn selbstverfasste Gedichte vorzulegen.
Die Beisitzerin war in meinem Fall Herta Müller. Vor der Prüfung stand sie im Türrahmen und unterhielt sich ein bisschen mit mir, um mir die Nervosität zu nehmen. In einer Hand hielt sie eine Kaffeetasse, in der anderen eine Zigarette, und als der Prüfer uns hereinrief, ließ sie die Zigarette in ihren Kaffee fallen.
Der Prüfer – Hans-Ulrich Treichel – sagte am Ende des Ganzen einen Satz zu mir, den ich nicht vergessen habe: „Ihre eigenen Gedichte sollten sich vielleicht lieber nicht in Ihrem Nachlass befinden.“ Ich habe seitdem kein einziges eigenes Gedicht mehr geschrieben. Und wenn Lyrikerin sein eine Lebenshaltung ist, die sich darin äußert, dass man elegant Zigaretten in den Kaffee werfen kann, dann bin ich hoffnungslos.
Wovon ich also reden kann zur Eröffnung eines Lyrikpfades, ist weder wissenschaftlich fundiert noch von viel eigener handwerklicher Erfahrung geprägt. Ich kann nur von dem sprechen, was mich ganz persönlich mit Lyrik verbindet. Mehr nicht.
Aber eigentlich ist das schon ein ziemliches Ding. Denn seltsamerweise ist das ein intimes Thema. Es berührt Gefühlsbereiche, die niemanden etwas angehen. Und es gibt darin eine gewisse Verletzbarkeit. Auf einer Lesung in Schleswig bin ich einmal fast gegangen, weil der lesende Autor sich über Rilke lustigmachte.
Auch wenn er Recht hatte, dass der Typ eine ziemlich schräge Figur gewesen sein muss, so konnte ich es einfach nicht ertragen, dass mein innerer Rilke lächerlich gemacht wurde.
Wie in der bildenden Kunst und wie vielleicht bei den meisten Menschen hat sich meine Sozialisierung im Bezug auf Lyrik vom Konkreten zum Abstrakten vollzogen. Angefangen bei „Die Weihnachtsmaus“ über „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ ging es recht zügig zu Balladen, die greifbare Geschichten erzählten mit Sätzen, deren Inhalt klar und unzweideutig war: „Was wolltest du mit dem Dolche, sprich?“, „Noch fünfzehn Minuten bis Buffalo“, „Oh, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn“.
Doch gab es schon früh die ersten Hinweise, dass der Unterschied zwischen Lyrik und Prosa nicht nur in der Form liegt. Und je schwerer der Inhalt zu fassen war, desto klarer wurde dieser Unterschied für mich. Dass der Frühling sein blaues Band flattern lassen konnte, erschien mir als Grundschulkind erstaunlich und gefiel mir beinahe so gut wie die alten Weihnachtslieder, von denen ich nicht viel verstand: „Wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art“.
Zu denken, dass ich die einzelnen Worte kannte, die Sätze lesen konnte, ihren Sinn aber nicht erfasste – oder doch: ihren Sinn erfasste, aber nicht mit dem gleichen Teil meines Gehirns, der üblicherweise fürs Leseverständnis zuständig war -, erschien mir magisch. Und wunderschön. Das war wichtig. Es gibt schließlich genug Beamtendeutsch, das ebenfalls aus bekannten Wörtern und nachvollziehbarer Grammatik besteht, deren Inhalt sich aber gegen alle Wahrscheinlichkeit dem Verständnis entzieht und das sicherlich nicht wunderschön ist.
Es war also möglich, dass etwas schön war und gleichzeitig ungewohnt, dass es aus bekannten Mitteln bestand und doch von anderer Sinnlichkeit war. Als gäbe es ein Verstehen, das nicht dort stattfand, wo im Gehirn die mathematischen Gleichungen verarbeitet wurden, ein Erfassen jenseits von Informationen, eine Welterklärung, die sich zwar der traditionellen Vehikel bediente, aber in meinem Inneren etwas entfaltete, das sich nicht wieder in Worte zurückpressen ließ.
Dieser magische Gebrauch von Sprache war in der Lage – ganz ähnlich wie Musik -, Schranken zu passieren und die Logikwächter auszutricksen, die normalerweise streng darauf achteten, dass unverständliches Zeug den Weg in Hirn und Gedächtnis gar nicht erst fand.
Dann schafften es diese Worte, sich ins Langzeitgedächtnis zu mogeln, wo sie lauerten und auf ihren Moment warteten.
„Weh mir, wo nehm ich, wenn es Winter wird, die Blumen und wo den Sonnenschein und Schatten der Erde.“ Wie ein fast vergessener Werbejingle tauchten diese Gedichtzeilen eines Tages in meinem Kopf auf, als ich als Studentin von Depressionen gebeutelt nach einer schlaflosen Nacht durch die Morgendämmerung in Leipzig stolperte. Und die Wörter lösten sich auf wie Brausetabletten und färbten mir das Blut ein, färbten die ganze Welt, und ein mittelalter Dichter des frühen 19. Jahrhunderts lieferte die Worte, die eine junge Frau des späten 20. brauchte, um sich verstanden zu fühlen auf einer Ebene, die jeden Psychotherapeuten neidisch hätte machen können.
Vielleicht habe ich deshalb etwas gegen analytische Gedichtinterpretationen. Sie sind wichtig, das ist mir klar, aber ich habe wenig Interesse, sie zu formulieren. Das, was ein Gedicht mit mir macht, was es in mir auslöst, anstößt, zum Klingen bringt, das gehört nämlich mir ganz allein. Und es ist wandelbar, das ist überhaupt das Allerschönste.
Es gibt ein Gedicht von Ingeborg Bachmann, das ich auswendig kann, es geht um verschiedene Formen der Liebe, um Männer und deren Sicht auf Frauen, und es enthält die Zeilen: „Vom hohen Trapez im Zirkuszelt, spring ich durch den Feuerreifen der Welt“.
Was mir vor Jahren ganz spontan wie eine Feier des Lebens erschien, ein wagemutiger, empowernder Vorgang, das Grundgefühl einer lebenshungrigen Frau, erschien mir beim Wiederlesen vor einiger Zeit plötzlich das Gegenteil zu sein. Ist es denn die Welt, wenn es ein Zirkuszelt gibt? Ist durch einen Feuerreifen zu springen denn etwas anderes als das Kunststück eines dressierten Wesens? Und ist es nicht höchst gefährlich, was da geschieht, nicht einfach risikofreudig, sondern buchstäblich lebensgefährlich, und wird nur durchgeführt, um andere zu unterhalten?
Plötzlich – wie bei einem Vexierbild – war ich nicht mehr in der Lage, meine ursprüngliche Interpretation zu fühlen. Ich konnte sie begründen, ich hätte einen schönen runden Einseraufsatz darüber schreiben können, aber in mir klang keine Saite. Während die andere Interpretation, die düstere, mich derart aufregte, als hätte Ingeborg Bachmann mir eine Botschaft geschickt, die mir helfen konnte, mein eigenes Leben besser zu verstehen.
Es gibt einen hübschen Ausdruck, der eigentlich einen etwas misslichen Zustand beschreibt: zwischen Baum und Borke sein. Sich an einem Ort befinden, der weder noch ist. Immer, wenn ich ein Gedicht lese, das mich wirklich tief anspricht, denke ich an diesen Ausdruck. Denn der Kunstgenuss ist leicht zu erklären, aber das Verstehen dessen, was ich lese, findet statt zwischen Baum und Borke. Es ist – für mich – ein erstaunliches Gefühl, dieses Verstehenkönnen, das aus Worten entsteht und doch in einem Bereich stattfindet, der ohne Worte ist. Es ist wie Liebe. Unerklärbar und doch völlig unzweifelhaft.
Was ich sagen möchte: Ich will mein Gedichtverständnis nicht erklären müssen. Ich will, dass die Zeilen ihre Brausetablettenwirkung in mir entfalten können, denn dann, nur dann, können sie mehr sein als bewundernswertes Handwerk. Dann sind sie etwas, das die Frage beantwortet: Wieso eigentlich Lyrik?
Ich muss dazu sagen, dass die Bachmann-Gedichte bei uns zu Hause neben dem Klo liegen. Zusammen mit den Tagebüchern von Thomas Mann, die mein Mann gern zur Hand nimmt, und ein paar Comics für die Kinder. Sie müssen sich also diese literarischen Epiphanien bei mir auf der Toilette vorstellen in den wenigen Minuten des Tages, in denen kein Kind, kein Hund, kein Ehemann weiß, wo ich gerade bin.
Heute lese ich Gedichte fast immer auf der Suche nach diesem Verstehen zwischen Baum und Borke. Wenn ich es finde, schmälert es meine Isolation, denn es verweist auf eine universelle Menschlichkeit, und in Erinnerung an damals in Leipzig, als Hölderlin mich davon abhielt, in den nächsten See zu springen, begann ich, während der ersten, unruhigen Wochen der Corona-Pandemie, wieder Gedichte zu lesen und auswendig zu lernen. Um sie bei mir zu haben, wenn ich wieder einmal Trost brauchen würde.
In dem Buch „Die Jahre“ schreibt Annie Ernaux über die vergangenen Jahrzehnte: „Durch die Überflutung mit Wissen wurde es immer schwieriger, einen Satz zu finden, der einem, wenn man ihn sich stumm aufsagte, beim Leben half.“ Nach solchen Sätzen suche ich in Gedichten.
Der Leiter eines Literaturhauses erzählte mir vor Jahren einmal begeistert von einem Lyrik-Workshop, in dem ein Poet gemeinsam mit den Teilnehmenden des Kurses in der Regionalbahn fuhr und Zettel aus dem Fenster warf (das war in Österreich, ich nehme an, dort kann man die Fenster in der Bahn noch öffnen), um – so erklärte er es mir – „der Landschaft die Wörter zurückzugeben“. So ganz verstanden habe ich die Übung nicht, und vielleicht war sie im Kontext des Workshops total sinnvoll, aber ich bin wohl zu norddeutsch für so etwas. Ich bin einfach nicht der Typ, um Zettel zu werfen. Mir reicht es, im stillen Kämmerlein ein paar Zeilen zu lesen und Gänsehaut zu bekommen, um das als Lyrik-Erfahrung zu bezeichnen.
Oder auf einem Spaziergang, meinetwegen. Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass Worte und Welt zusammengehören und Spannungen untereinander erzeugen können, und dass die Empfindung von Schönheit, unerklärlicher Wahrheit, Ewigkeit und Universalität sich in Natur und Gedicht gleichermaßen finden lassen. Und vielleicht können sie sich gegenseitig verstärken. Wenn es richtig gut läuft, löst sich die Brausetablette der Worte im Gehirn auf, während zugleich das irre Gefühl, sich selbst in der Landschaft aufzulösen, stattfindet – gern stellt sich das bei einem Sonnenuntergang ein oder angesichts der Milchstraße in einer Winternacht -, und dann erlebt man womöglich eine Art Outdoor-Kunst-Euphorie.
Es kann helfen, die Worte laut zu sagen. Dann kommt zu allem noch Klang hinzu, Atmung, Musikalität.
Ich würde allerdings davon abraten zu deklamieren. Egal, wie herrlich die Milchstraße funkelt.
Ich selbst bin eine Freundin des Raunens. Mein Großvater war es nicht. Er verfasste Gedichte im Stil von Goethe und trug sie auf Familienfeiern vor. Manchmal musste er sich dabei die eigene Rührung aus dem Augenwinkel tupfen. Das fand ich als Kind ausgesprochen seltsam, und das etwas betretene Schweigen der versammelten Verwandtschaft bestätigte mein Gefühl. Mein Vater, der das Dichttalent geerbt hatte, zog daraus seine eigenen Schlüsse und dichtete sein Leben lang ausschließlich Nonsens: „Zwei Giraffen trafen Affen. Der eine sprang ihnen an den Hals und rief: Gleich knallt’s!“.
Aus der Familie meiner Mutter kamen zahlreiche Gedichtzeilen in den Alltag, die ebenfalls aus der lustigen Lyrik-Ecke stammen. „Ottos Mops kotzt. Otto: Ogottogott.“
Dazu die Verhunzung klassischer Balladenzeilen, die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit verlautbart wurden: „Er saß auf einem Sack voll Linsen und schaute mit vergnügtem Grinsen auf zwölf belegte Brote hin.“
Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage: Wieso eigentlich Lyrik? habe ich in einem Online-Forum nachgefragt, ob und in welcher Weise Gedichte jeweils eine Rolle spielen. Zahlreiche Leute antworteten mir, ihre Eltern hätten lustige Gedichte zitiert, die ihnen nun immer wieder einfielen, so dass sie sie ebenfalls vor ihren Kindern zitierten, die sie bereits selbst aufsagen konnten.
Da saß ich nun mit meiner Klo-Lyrik und der Gänsehaut im stillen Kämmerlein und musste einsehen, dass es nicht immer nur um die Kunst-Euphorie und das Verstehen zwischen Baum und Borke geht. Lyrik ist vor allem handlicher als Prosa. Merkbarer, kürzer, kontextfreier – also tatsächlich alltagstauglicher. Sie passt zusagen in die Hosentasche. Auch das ist eine Antwort auf die Frage nach der Existenzberechtigung von Gedichten: Wir können sie viel leichter mit uns herumtragen und weitergeben. Und wer es schafft, mit Witz und Hintersinn die Angst der Leute vor Pathos zu überlisten, der kann auf diesem Wege Wörter in sie hineinmogeln. Niemand würde Ringelnatz, Morgenstern oder Gernhardt absprechen, Kunst gemacht zu haben. Aber sie haben Kunst gemacht, die Leute, die sich vor Kunst fürchten, trotzdem annehmen können.
Mein Sohn hört übrigens Hip-Hop. Gelegentlich sogar Gangsta-Rap. Ich habe das lange für den Untergang des Abendlandes gehalten. Schon dieser Satz fühlte sich an wie das Eingeständnis des totalen Versagens als Mutter und Künstlerin. Mein Sohn, der begabte, sensible Spross eines Schriftstellerpaares, hört frauenfeindlichen, gewaltverherrlichenden Sprechgesang, der von offensichtlich nicht besonders klugen Menschen aus purer Geldgier produziert wird. Denn mal ehrlich: Das konnte doch eigentlich jeder. Man musste nicht einmal musikalisch sein, um zu rappen. Und reimen konnte keiner von denen. Im Gegenteil. Selbst offensichtliche Reime wie Herz und Schmerz, die noch der dümmste Schlagertext hinbekommt, schienen für Rapper zu schwierig zu sein.
Ich zog mich daher auf die Annahme zurück, dass gegen besonders kultivierte Personen (wie ich es bin, mit meinem Goethe-imitierenden Großvater und meinen Gedichtbänden im Badezimmer) nur mit extra niedrigem Niveau revoltiert werden kann. Mein Sohn musste sich schließlich irgendwie abgrenzen.
Aber dann fing der Junge an, selbst zu rappen. Er präsentierte mir seine Verse, und ich schluckte Mal um Mal die Frage runter, warum er denn auf Deubelkommraus nur unreine Reime verwendete – etwas, das sich für mich ähnlich unangenehm anfühlt wie das Geräusch von Fingernägeln auf Schultafeln.
Wieso kam ich nicht auf die Idee, dass ich den Rap-Songs meines Sohnes genauso ahnungslos gegenüberstand, wie als Fünftklässlerin den Gedichten von Storm und Hebbel? Dass ich den gleichen Fehler machte wie die Leute, die vor einem modernen Gemälde sagen: Das könnte ich auch?
Gottseidank ist mein begabter und sensibler Sohn geduldig. Er erklärte mir, was er hörte: Die phonetischen Gleichklänge, die den Reim ersetzen, die Binnenstruktur, die an Stabreime erinnert, die Motive und Bilder, die Rollen, welche die Künstler und Künstlerinnen einnehmen und die Teil der Kunstform sind. Die dem Sprechgesang innewohnenden Herausforderungen – Rhythmus, Geschwindigkeit, Silbenzahlen, Zungenbrecher. Wie die Römer den Hexameter hatten hören können, den ich zweitausend Jahre später im Lateinunterricht mit Punkten und Strichen markieren musste, um ihn zu erkennen, hörte mein Sohn, wozu mir schlicht der Zugang gefehlt hatte. Und natürlich empfing er die Botschaften über ein Lebensgefühl, die in ihm eine Saite zum Klingen brachten.
Und so lernte ich mit Mitte Vierzig noch einmal, die Wächter in meinem Gehirn zu überlisten, und merkte, dass ich mich zuvor verschlossen hatte in einer Bildungswelt, in der nur das etwas galt, was ich kannte und für gut befunden hatte. Dass es sich lohnte, überall da, wo in irgendeiner Form gedichtet wird, offen zu bleiben für Annie Ernaux‘ Sätze „die einem beim Leben helfen“.
Mein Sohn sitzt also in seinem eigenen stillen Kämmerlein, die Kopfhörer auf den Ohren und genießt den Zustand des Verstehens zwischen Baum und Borke, während ich irgendwo anders im Haus auf dem Klo sitze, Arne Rautenbergs „Seltene Erden“ in der Hand, und genau das gleiche tue. Diesen Zustand kann man überall finden, wo Lyrik ist, egal ob geraunt oder stumm gelesen, ob als Werbejingle-artig aufploppende Zeile oder als literarisches Hosentaschengepäck. Mit etwas Glück auch auf einem Gang durch die Natur, mit oder ohne funkelnde Milchstraße über sich, wo ein Gedicht einem ein Angebot macht, und dann fühlt man sich geerdet und erhoben, verstehend und verstanden, überlistet und getröstet.
(Rede zur Eröffnung des Lyrikpfades auf dem Knivsberg am 18.10.2023)





